Die jüngsten geopolitischen Spannungen im Nahen Osten haben erneut gezeigt, wie eng globale Lieferketten mit der Region verbunden sind. Handelsströme mussten angepasst, Transporte umgeplant und alternative Korridore geprüft werden. Zum Erliegen kam der Handel jedoch nicht. Die Ereignisse machten vielmehr sichtbar, warum der Nahe Osten für den Welthandel weiter an Bedeutung gewinnt: nicht nur als Transitregion, sondern zunehmend als Industrie-, Produktions- und Innovationsstandort.

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ie Arabische Halbinsel profitiert seit jeher von ihrer geografischen Lage zwischen Europa, Asien und Afrika. Neu ist allerdings, wie gezielt diese Lage heute durch physische und digitale Infrastruktur weiter gestärkt wird. In den vergangenen Jahren haben viele Länder der Golfregion massiv investiert: in Häfen, Straßen, Grenzübergänge, digitale Prozesse und moderne Industrie- und Wirtschaftszonen. Gerade in den jüngsten Wochen und Monaten wurde deutlich, wie wichtig solche Investitionen sind, denn erst die passende Infrastruktur schafft zusätzliche Optionen, macht alternative Routen möglich und hilft, Warenströme auch unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Der Oman ist ein gutes Beispiel dafür, wie solche Alternativen in der Praxis an Bedeutung gewinnen: Während der jüngsten regionalen Spannungen konnte das Land seine Rolle als Transit- und Logistikstützpunkt für die GCC-Region stärken. Vereinfachte Prozesse, grüne Korridore mit Nachbarstaaten sowie die Häfen Sohar, Salalah und Duqm schaffen zusätzliche Optionen für Warenströme, die flexibel an internationale See- und Luftfrachtrouten angebunden werden müssen. Damit wird Oman nicht nur geografisch interessant, sondern auch operativ.

Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zeigen, wie sich Infrastruktur, Handel und industrielle Wertschöpfung zunehmend verbinden. Jebel Ali bleibt ein zentraler globaler Hub; zugleich bieten Khor Fakkan und Fujairah durch ihre Lage außerhalb der Straße von Hormuz eine wichtige Alternative. Jüngsten Medienberichten zufolge sollen jetzt – ausgelöst durch die jüngsten Ereignisse – die Kapazitäten in Fujairah weiter ausgebaut werden.

Parallel dazu entwickeln sich die VAE über ihre Rolle als Umschlagplatz hinaus, denn in Abu Dhabi etwa gibt es Investitionen in Gasproduktion, LNG, petrochemische Produkte und Natural-Gas-Liquids-Verarbeitung, die die Nachfrage nach Projektladung, Schwerlasttransporten, Prozessausrüstung und vorgefertigten Industriemodulen antreiben. Damit geht es nicht mehr nur um Rohstoffe oder Transit, sondern zunehmend um verarbeitete Produkte, spezialisiertes Equipment und industrielle Wertschöpfung für internationale Absatzmärkte.

Saudi-Arabien nimmt ebenfalls mehrere Rollen ein: als wachsender Markt für Industrie- und Konsumgüter, als Investitionsstandort und als Bindeglied zwischen dem Arabischen Golf und dem Roten Meer. Das Königreich baut aktuell gezielt neue Industrieökosysteme auf, für die verlässliche Korridore, flexible Routen und belastbare Infrastruktur entscheidend sind. Neben dem traditionellen Geschäft mit Öl gewinnen Bergbau, Rohstoffverarbeitung, petrochemische Produkte, Fertigung und erneuerbare Energien zunehmend an Bedeutung.

Für sensible Branchen wie Life-Sciences und Healthcare wird die Region ebenfalls wichtiger: So verbinden die Golfstaaten Produktions- und Absatzmärkte etwa für Generika, die aus Asien über regionale Hubs nach Afrika gelangen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Logistik, denn Sendungen werden kleiner, kälter, schneller und stärker reguliert. Kühlketten, Echtzeitdaten und belastbare Ausweichrouten zeigen damit ebenfalls, dass Konnektivität heute mehr bedeutet als physische Infrastruktur. Entscheidend ist, ob sich Qualität, Transparenz und Verlässlichkeit auch unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten lassen.

Aufgrund des großen Potenzials der Arabischen Halbinsel hat DHL angekündigt, zwischen 2024 und 2030 mehr als 500 Millionen Euro im Nahen Osten zu investieren – vor allem in Infrastruktur, Kapazitäten, Netzwerke und bessere Servicefähigkeiten. Der Schwerpunkt liegt im Golf auf Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, zwei Märkten, die auch im Rahmen von DHLs Strategie 2030 „Accelerate Sustainable Growth“ zu den sogenannten Geographic-Tailwinds-Märkten zählen. Dabei handelt es sich weltweit um Länder, die von besonders günstigen Wachstumsbedingungen profitieren und in denen in den kommenden Jahren ein Wachstum erwartet wird, das deutlich über dem globalen Durchschnitt liegt.

Aus Sicht eines globalen Logistikdienstleisters liegt die größte Chance der Golfregion genau in dieser Kombination aus Lage, Infrastruktur und wachsender industrieller Basis. Die größte operative Herausforderung besteht jedoch darin, ambitionierte Infrastrukturpläne in verlässliche Alltagsprozesse zu übersetzen. Neue Korridore entfalten ihren Nutzen erst dann vollständig, wenn Grenzprozesse, Genehmigungen, Kapazitäten, digitale Datenflüsse, Sicherheitsanforderungen und die letzte Meile zusammenspielen.

Gut verdeutlichen lässt sich diese Dynamik etwa am Bereich von Projektladung und Schwerlasttransporten: Ein alternativer Hafen kann grundsätzlich geeignet sein, doch entscheidend ist, ob auch die dahinterliegende Infrastruktur mit Zufahrtsstraßen, Brücken, Kurvenradien, Freigaben, Zwischenlagerflächen und Spezialausrüstung darauf ausgelegt ist. Moderne Infrastruktur ist nicht automatisch Schwerlastinfrastruktur.

Die geografische Lage ist grundsätzlich ein wichtiger Ausgangspunkt, aber entscheidend ist heute global, ob die vorhandene Infrastruktur belastbar genug ist, um alternative Routen auch operativ nutzbar zu machen – im Falle von geopolitischen Auseinandersetzungen, Wetterszenarien, Überlastungen auf bestimmten Korridoren oder anderen Vorkommnissen.

Dass diese Belastbarkeit in Lieferketten eingebaut werden muss, haben die Staaten der Arabischen Halbinsel erkannt. Entsprechend investieren sie gezielt dort, wo Resilienz praktisch entsteht: bei Häfen, Straßenverbindungen, Grenzkorridoren, Industrieclustern und digitalen Steuerungsmöglichkeiten. Zugleich lernen sie aus den Erfahrungen aktueller Disruptionen; genau darin liegt die nächste Entwicklungsstufe – auf der Arabischen Halbinsel ebenso wie anderswo.

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Tobias Maier ist CEO Middle East & Africa bei DHL Global Forwarding, der Luft-, See- und Landfrachtsparte von DHL. Damit verantwortet er das Geschäft in einer der am schnellsten wachsenden und strategisch wichtigsten Regionen des Unternehmens. Seit seinem Start bei DHL 2008 bekleidete er verschiedene Führungspositionen in der Region, zuletzt als CFO MEA.