Das Gesundheitswesen im gesamten Golf-Kooperationsrat (GCC) tritt in eine neue Ära ein, die von Fortschritten in den Bereichen Technologie, Forschung und Versorgungsleistung geprägt ist und die Art und Weise, wie Patienten medizinische Dienstleistungen in Anspruch nehmen und erleben, grundlegend verändert. Während sich der Sektor von der Ausweitung der Kapazitäten hin zum Aufbau stärker integrierter, innovationsgetriebener Systeme entwickelt, wird die nächste Phase die Verbindungen zwischen Finanzierung, Daten, Forschung und klinischem Fachwissen vertiefen, medizinische Fortschritte schneller in die tägliche Versorgung einfließen lassen und gleichzeitig mehr Möglichkeiten für internationale Investoren eröffnen. Bahrain verfügt bereits über eine solide Grundlage im Gesundheitswesen, auf der aufgebaut werden kann. Das Gesundheitsnetzwerk des Landes umfasst mehr als 924 zugelassene Einrichtungen, darunter Allgemeinkrankenhäuser, spezialisierte Gesundheitszentren, Privatkrankenhäuser und private Gesundheitseinrichtungen. Gleichzeitig entwickelt sich der Inselstaat zu einem Zentrum für den Medizintourismus. Seine kompakte institutionelle Struktur ermöglicht es Aufsichtsbehörden, Anbietern, Universitäten und Investoren, eng zusammenzuarbeiten, wodurch der Weg von der Politik zur Praxis verkürzt wird. Da das Gesundheitswesen ein wesentlicher Faktor für die Umsetzung der wirtschaftlichen „Vision 2030“ Bahrains ist, steht der Sektor vor weiterem Wachstum und Wandel.
Modernisierung des Gesundheitssektors
Ein breit angelegtes Modernisierungsprogramm mit institutionellen, regulatorischen, digitalen und finanzpolitischen Reformen gestaltet das Gesundheitswesen in Bahrain neu. Staatliche Krankenhäuser und Zentren der medizinischen Grundversorgung werden in ihrer operativen Autonomie gestärkt, und dank klar definierter Zuständigkeiten können öffentliche Einrichtungen direkt auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen und gleichzeitig auf Augenhöhe mit privaten Anbietern agieren. Gleichzeitig verändert die schrittweise Einführung des nationalen sozialen Krankenversicherungsprogramms „Sehati“ die Finanzierung der Gesundheitsversorgung, erweitert die Wahlmöglichkeiten der Patienten und schafft mehr Spielraum für private Anbieter. Diese Reformen fördern einen wettbewerbsorientierteren, patientenzentrierten Markt mit stärkeren Anreizen zur Verbesserung von Qualität und Effizienz.
Aufbau der Infrastruktur für Reformen
Um dies in die tägliche Praxis umzusetzen, sind die richtigen politischen und digitalen Rahmenbedingungen erforderlich. Der National Health Plan gab die Richtung für ein stärker integriertes und patientenorientiertes System vor, während das Krankenversicherungsgesetz von 2018 (National Health Insurance Law) eine Versicherungspflicht für Bürger, Einwohner und Besucher vorschrieb. Um zu gewährleisten, dass Patienteninformationen sicher durch das System übertragen werden, hat Bahrain über Jahre hinweg die erforderliche digitale Infrastruktur aufgebaut. Das Digital Health Integration System vereint und zentralisiert elektronische Gesundheitsakten über verschiedene Anbieter und Behörden hinweg. So entsteht ein sicheres und effizientes Datenmanagementsystem, das zugleich neue Entwicklungsmöglichkeiten für den Gesundheitssektor eröffnet. Ergänzt wird dies durch Bahrains eGovernment Strategy und die National Artificial Intelligence Policy, die einen Rahmen für den verantwortungsvollen Umgang mit diesen Daten schaffen. Das Governance-Modell folgt dem gleichen Prinzip der klaren Verknüpfung. Strategie, öffentliche Gesundheit, Dienstleistungserbringung und unabhängige Regulierung liegen daher in der Zuständigkeit unterschiedlicher Institutionen, wodurch Überschneidungen reduziert werden und die Rechenschaftspflicht leichter nachvollziehbar ist. Bei Investoren sorgt dies für mehr Klarheit, wie Entscheidungen getroffen werden, welche Standards gelten und wo die Verantwortung liegt.
Innovation und Talent
Der Wert dieses Governance-Modells zeigt sich am deutlichsten in aufstrebenden Bereichen, wo es auf Schnelligkeit ankommt. Für die klinische Forschung stellen Bahrains Vorschriften, die sich an den Standards der International Conference on Harmonisation (ICH) orientieren, ein gestrafftes Genehmigungsverfahren bereit, bei dem innovative Therapien, mit Einhaltung internationaler Standards, schnell zu den Patienten gelangen können. So verfügt Bahrain unter den GCC-Staaten über eines der schnellsten Genehmigungssysteme für klinische Forschung. Dies geht einher mit einer Vielzahl von Reformen zur Straffung der Kommerzialisierung und Marktzulassung fortschrittlicher und innovativer Therapien. Ein Beispiel dafür: Bahrain war das erste Land in der Region – und das zweite weltweit nach dem Vereinigten Königreich –, das Casgevy, eine fortschrittliche Zell- und Gentherapie zur Behandlung der Sichelzellenanämie, zugelassen hat.
Künstliche Intelligenz (KI) bietet zudem ein enormes Potenzial für weitere Innovationen. Im Rahmen einer dreijährigen Partnerschaft zwischen Mumtalakat, dem Staatsfonds von Bahrain, und dem Technologieführer SandboxAQ wird quantitative KI eingesetzt, um Wirkstoffziele zu identifizieren und neue Therapien zu entwickeln. Die Zusammenarbeit soll durch neue Biotech-Assets einen Mehrwert von mehr als einer Milliarde US-Dollar schaffen und gleichzeitig Wege für internationale Forschungskooperationen eröffnen. Die Ausbildung lokaler Fachkräfte ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist das Bahrain National Genome Programme, das in Zusammenarbeit mit dem International Center for Genetic Disease (iCGD) an der Harvard-Universität ins Leben gerufen wurde, um bahrainische Staatsangehörige auszubilden und eine bevölkerungsspezifische Genomdatenbank aufzubauen. Das Programm unterstützt die Erforschung erblicher und chronischer Erkrankungen, eine frühzeitigere Diagnose und eine individuellere Behandlung. Zusätzlich wird gezielt in die Ausbildung von Gesundheitsfachkräften investiert. Im Jahr 2025 kündigten Tamkeen und Supreme Council of Health die Unterstützung von 750 bahrainischen Fachkräften im Gesundheitswesen an, darunter Facharztanerkennungen und Stipendien für Ärzte, geförderte Pflegeausbildungen und Fachqualifikationen sowie Unterstützung für Zahnärzte und anderes Gesundheitspersonal.
Internationale Partnerschaften
Um zusätzliches Fachwissen in die Gesundheitsversorgung einzubringen, hat Bahrain seine eigenen Kapazitäten durch verschiedene Partnerschaftsmodelle ergänzt. Das von M42, dem in Abu Dhabi ansässigen Joint Venture von Mubadala Health und G42 Healthcare, gemeinsam mit Bahrains Staatsfonds Mumtalakat entwickelte Krankenhaus Amana Healthcare Bahrain ist die erste spezialisierte Einrichtung für Langzeitpflege und Rehabilitation im Königreich. Zugleich ist das King Hamad American Mission Hospital als erste Einrichtung Bahrains dem Mayo Clinic Care Network beigetreten. Dadurch erhält die lokale Gesundheitsversorgung Zugang zum Fachwissen und den klinischen Ressourcen der Mayo Clinic.
Auch der Bildungsbereich bietet einen fruchtbaren Boden für Kooperationen. Die Royal College of Surgeons in Ireland – Medical University of Bahrain (RCSI Bahrain), die erste ausländische Direktinvestition im Gesundheits- und Bildungssektor des Königreichs, kündigte für 2024 eine Erweiterung ihres Campus im Umfang von 45 Millionen US-Dollar an. Und die King Abdullah bin Abdulaziz Medical City, deren Fertigstellung mit saudischer Finanzierung erfolgt, wird spezialisierte Gesundheitsversorgung mit Ausbildung und Forschung verbinden und damit sowohl Bahrain als auch dem gesamten GCC zugutekommen. Diese Modelle bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für Gesundheitsunternehmen und Investoren, die ihre Aktivitäten in der Region ausbauen möchten.
Ein regionaler Standort für die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen
Bahrains partnerschaftlicher Ansatz, flankiert von Reformen des Gesundheitssystems sowie Investitionen in Institutionen, Infrastruktur und Forschung, eröffnet deutschen Gesundheitsunternehmen neue Marktchancen. Da das Königreich derzeit auf den Import von Arzneimitteln und medizinischen Geräten angewiesen ist, bieten insbesondere die deutschen Kompetenzen in den Bereichen Pharmazie, Medizintechnik, Biotechnologie und digitale Gesundheit gute Voraussetzungen, um den Aufbau lokaler Produktionskapazitäten im Einklang mit den langfristigen Zielen der bahrainischen Gesundheitsstrategie zu unterstützen. Aufbauend auf diesen Stärken verschafft Bahrains Logistik- und Produktionsstandort sowie die direkte Verkehrsverbindung nach Saudi-Arabien, dem größten Markt des GCC, dem Land Zugang zu einem regionalen Markt mit 61 Millionen Menschen. Darüber hinaus ermöglicht Bahrains Mitgliedschaft in der Greater Arab Free Trade Area (GAFTA) qualifizierten Produkten zollfreien Zugang zu arabischen Märkten, ergänzt durch 10 Freihandelsabkommen, die 26 Länder umfassen. Für deutsche Unternehmen, die Zugang zur Region suchen und dort Geschäfte entwickeln möchten, bietet Bahrains führende Position im GCC einen gut vernetzten Standort, an dem lokale Expertise aufgebaut und auf den gesamten Golfraum ausgeweitet werden kann.
von:
Munther Almudawi ist der Executive Director of Business Development bei dem Bahrain Economic Development Board (Bahrain EDB), wo er die Maßnahmen zur Investitionsförderung in den Bereichen Gesundheitswesen, Bildung und Tourismus leitet. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Organisation hat er mit staatlichen Stellen, Aufsichtsbehörden und internationalen Investoren zusammengearbeitet, um die Entwicklung der Branchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihr Wachstum zu fördern.