Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) konnte 2025 erneut einen Rekordbetrag von ca. 2,8 Mrd. Euro für wichtige Investitionsvorhaben in den Ländern der MENA-Region bereitstellen. Im Irak förderte die Bank erstmals ein Vorhaben im Bereich der Handelsfinanzierung.
Im vergangenen Jahr investierte die EBRD einen Rekordbetrag von etwa 2, 8 Mrd. Euro (2024: 2,4 Mrd. Euro) in 65 Projekte in 6 Volkswirtschaften der südlichen und östlichen Mittelmeerregion (Ägypten, Tunesien, Marokko, Jordanien, Libanon, Westjordanland und Gaza). Im Irak begann die Bank, nach Abschluss der Beitrittsverhandlungen und Aufnahme des Irak als 74. Anteilseigner, die Finanzierungstätigkeit. Die MENA-Region war in 2025 der drittgrößte Empfänger von EBRD-Investitionen. Dies verdeutlicht die gewachsene Bedeutung der Region im Hinblick auf die Bankaktivitäten insgesamt.
Allerdings rechnet die EBRD damit, dass der Konflikt im Nahen Osten die wirtschaftlichen Aktivitäten durch höhere Energiepreise und Unterbrechungen der Lieferketten, auch durch stringentere Finanzierungsbedingungen, beeinträchtigen wird, was bedeutet, dass die Auswirkungen des Konflikts auch nach Beendigung anhalten werden. Denn wenn der Ölpreis weiter steigt, Lieferkettenstörungen für Chemikalien oder Düngemittel sowie Metalle anhalten, hat das Auswirkungen auf die EBRD MENA-Einsatzländer, da für diese der Handel mit dem Golfkooperationsrat (GCC) bedeutend ist.
Die aktuelle Situation könnte die Wachtstumsaussichten für die Region in kommenden Szenarien der Bank um 0,4% vermindern. MENA-Volkswirtschaften mit hohen Energieeinfuhrrechnungen und nachhaltigen Handels- und Überweisungsverbindungen (Remittances) sind besonders exponiert. Die EBRD wird jedoch den MENA-Operationsländern bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Auswirkungen der aktuellen Entwicklung im Nahen Osten wirksame Unterstützung gewähren.
Daher strebt die Bank 2026 an, den jeweiligen Volkswirtschaften und benachbarten Ländern 5 Mrd. Euro bereitzustellen. Diese Reaktion wird sich v.a. auf den Irak, Libanon, Westjordanland/Gaza sowie auf Ägypten konzentrieren. Wie die EBRD betont, geht es um Unterstützung der Volkswirtschaften, Kunden und Menschen in diesen Ländern. Im Mittelpunkt werden die wirtschaftlichen Aktivitäten, die Sicherstellung von Dienstleistungen und Gütern, die Gewährleistung der Energiesicherheit, die Stabilisierung des Finanzsektors, die Bereitstellung von Betriebskapital und Liquidität für Unternehmen und die Stabilisierung von Wertschöpfungsketten im Agrarsektor, eine funktionierende Infra- und Handelsstruktur sowie die Ernährungssicherheit stehen. Die Maßnahmen werden durch einen politischen Dialog und beratende technische Unterstützung flankiert.
Das Investment der Bank in der Region betraf im vergangenen Jahr zu 70% Vorhaben im privaten Sektor. Zudem konnte die Bank 747 Mio. Euro an privaten Investitionen in der Region, auch im Zusammenhang mit der Förderung von Projekten, mobilisieren.
Ägypten blieb auch 2025 führendes Empfängerland der Bankförderungen mit 1,3 Mrd. Euro für 26 Vorhaben. Etwa 70% der EBRD-Finanzierungen erfolgten im Privatsektor. Ein Schwerpunkt der Förderung betraf Projekte, die die Gleichstellung der Geschlechter unterstützt. Um den steigenden Strombedarf zu decken, gingen EBRD-Mittel in den Ausbau zusätzlicher Kapazitäten für erneuerbare Energien. Dafür stellte die Bank 200 Mio. Euro der Egyptian Electricity Transmission Company zur Verfügung. Die digitale Transformation wird durch einen syndizierten Kredit i.H.v. 68 Mio. Euro von EBRD und Banque Misr Orange Egypt für die 5G-Lizenz zum Nutzen von Verbraucher und Unternehmen bereitgestellt.
Der KMU-Sektor in den Bereichen Fertigung, Dienstleistungen, Agrarwirtschaft und Pharmazeutik erhält weiterhin Unterstützung, v.a. auch mit Blick auf die Förderung von Frauen und Jugendlichen.
Dem größten pharmazeutischen Vertriebsunternehmen, der Ibnsina Pharma, gewährte die Bank ein Darlehen von 23,1 Mio. Euro für grüne Investitionsmittel und ergänzendes langfristiges Betriebskapital. Mit technischen Beratungsleistungen soll eine Verbesserung der Resourceneffizienz
der Betriebsgebäude erzielt werden. Ägypten wird insgesamt seine Position als zweitgrößter Pharmamarkt im Nahen Osten und Nordafrika auch dadurch stärken.
Die EBRD hat ferner Vorhaben zur Stärkung der Wassersicherheit durch Erweiterung der Entsalzungskapazitäten u.a. durch PPPs und private Investitionen gefördert. Damit wird ein Beitrag geleistet, die Herausforderungen durch Bevölkerungswachstum, Klimawandel und regionaler Belastungen für eine nachhaltige Wasserversorgung zu meistern.
In Jordanien förderte die Bank 10 Projekte mit einem Volumen von 201 Mio. Euro. Mehr als zwei Drittel der Vorhaben waren auf den Privatsektor konzentriert, v.a. auf kleine und mittlere Unternehmen. Anfang Januar traf EBRD-Präsidentin Odile Renaud-Basso mit Behördenvertretern, Geschäftsleuten, lokalen Partnerbanken aus dem öffentlichen und privaten Sektor in Jordanien und dem Westjordanland zusammen. Im Mittelpunkt der Zusammenkünfte standen Fragen der weiteren Unterstützung des Privatsektors, die Investitionsförderung, Probleme des Wirtschaftswachstums und die enge Kooperation mit Behörden, Unternehmen und Finanzinstituten.
Marokko konnte von den insgesamt zur Verfügung gestellten 895 Mio. Euro 2025 Förderungen in grüne Projekte zu etwa 80% verzeichnen. Dem Energieversorgungsunternehmen ONEE wurde ein Darlehen i.H.v. 300 Mio. Euro zur Stärkung der Energiesektors gewährt. Zur Förderung des nachhaltigen Wassermanagement wurden für den Saiss-Grundwasserleiter im Rahmen des Wasserschutzprogramms Finanzmittel im Umfang von 150 Mio. Euro bereitgestellt. Mit diesen Finanzmitteln soll die Bewässerung von ca. 20 000 Hektar Land erfolgen, wodurch etwa 1,8 Mio.
Menschen einen Nutzen haben werden. Mit 50 Mio. Euro an die Crédit du Maroc unterstützt die Bank Investitionen des marokkanischen Dekarbonisierungs- und Klimaresilienzprogramms. Die EBRD hat seit 2012 in Marokko Investitionen in den Bereichen nachhaltige Energieversorgung, Förderung von Infrastrukturreformen bei 125 Projekten gefördert.
Die EBRD hat vergangenes Jahr die Finanzierungstätigkeit im Irak begonnen, nachdem das Land als 74. Anteilseigner das Beitrittsverfahren erfolgreich abgeschlossen hatte. Im Mittelpunkt stehen künftig die Förderung lokaler KMUs durch:
- Beratungsleistungen und Förderung des Unternehmertums zur Verbesserung der Geschäftsmöglichkeiten;
- Verbesserung der Zugangsmöglichkeiten zu Finanzierungen für den KMU-Sektor;
- Kooperation mit dem Business-ECO-System.
Die EBRD setzt dafür ihre etablierten Finanzinstrumente ein: KMU-Finanzierungs- und Entwicklungsprogramm und die Star Venture-Initiative für innovative Startups.
Mit der Auftaktveranstaltung am 14. Februar 2026 in Bagdad stellte die Bank durch ihre neue Abteilungsleiterin Irak (EBRD Head of Iraq) Catarina Bjorlin Hansen die Ziele und strategischen Prioritäten der Förderung irakischen Regierungsvertretern, der Donor-Community, Finanzinstituten, Wirtschaftsvertretern und Geschäftspartnern vor. Die Veranstaltung förderte gleichzeitig das Networking und zielte auf ein stabiles Unternehmensumfeld für Wachstum und den Abbau von politischen und wirtschaftlichen Hemmnissen.
Durch einen integrativen Ansatz von Finanzierungsmöglichkeiten, Beratungsleistungen und politischem Engagement sollen resiliente kleine und mittlere Unternehmen unterstützt und nachhaltige lokale Marktstrukturen geschaffen werden.
Im September 2025 billigte die EBRD die erste Förderung (Darlehen) über 100 Mio. Euro an die Nationalbank des Irak zur Handelsfinanzierung. Dies ist ein Beitrag die Import- und Exportaktivitäten von Unternehmen zu stärken, indem Garantien an bestätigende Finanzinstitute gegeben werden und Barzahlungen für Importe, Exporte sowie die lokale Verbreitung von Waren gefördert werden. Diese Investition verbessert den Zugang zu Finanzierungen für Mikro-, Klein- und mittlere Unternehmen und erleichtert den interregionalen Handel. Ferner unterstützt sie die Nationalbank, die korrespondierenden Bankbeziehungen zu diversifizieren und die Handelsfinanzierungen des irakischen KMU-Sektors zu erweitern.
In Tunesien förderte die EBRD 12 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 398 Mio. Euro. Dazu gehörte die Gewährung der 1. Tranche (50 Mio. Euro) an die Tunesie Telekom zur Aufrüstung des Mobilfunknetzes von 4G auf 5G, die Erweiterung des Glasfasernetzes und die Einführung neuerer Cybersicherheitsstandards. Mit EU-Unterstützung wurde ferner eine erste Investition zur Unterstützung von Kleinstunternehmen und KMU mit Unternehmern unter 35 Jahren gewährt. Auch mit EU-Unterstützung im Rahmen der Green Economy Financing Facility konnten Kredite in Höhe von 59 Mio. Euro an lokale Finanzinstitute für Projekte der Energieeffizienz, für erneuerbare Energien, zur Klimaanpassung und für die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft bereitgestellt werden.
Im Rahmen ihres Programms Advice for Small Business hat die Bank mehr als 132 Beratungsprojekte im Hinblick auf den Übergang zur grünen Wirtschaft unter Einbeziehung von Frauen v.a. in KMU im Libanon gefördert. Ferner begann die EBRD ein von der Europäischen Union finanziertes Programm mit 10 Mio. Euro zur Verbesserung der Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft für KMU im Libanon zu unterstützen.
In 2025 wurden 6 Transaktionen in Höhe von 28 Mio. Euro zur Unterstützung der palästinensischen Wirtschaft durchgeführt. Im Rahmen des Star Venture-Programms der EBRD wurden KMUs bei mehr als 175 Beratungsprojekten gefördert. Und erst jüngst förderte die Bank die palästinensischen Export- und Importaktivitäten durch Bereitstellung von zusätzlichen 5 Mio. US-Dollar an die Arabisch Islamische Bank (AIB) für Handelsfinanzierungen, v.a. für Transaktionen zur Finanzierung wichtiger Importe, insbesondere Lebensmittel und medizinische Geräte. Das erweiterte Limit für die AIB, einer Tochtergesellschaft der Bank of Palestine, wird die Handelsströme zwischen den palästinensischen Gebieten und den internationalen Märkten stärken und die Bedeutung der AIB erhöhen.
Die gesamten kumulierten Finanzierungen in die Wirtschaft seit 2017 erreichten 185,5 Mio. Euro. Ferner erhielt die Region Geberunterstützung v.a. von der EU, dem SEMED Multi-Donor Account der EBRD sowie weiteren bilateralen und multilateralen Gebern.
Von Wolfgang Gerstmann