Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Staat Katar und der Bundesrepublik Deutschland verzeichnen ein rasantes Wachstum, das die Stärke der strategischen Partnerschaft zwischen den beiden Ländern widerspiegelt – und dies vor dem Hintergrund eines internationalen und regionalen Umfelds, das von raschen geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen geprägt ist. Diese Partnerschaft kommt insbesondere im Energiesektor zum Tragen, wo Deutschland auf Katar als eine der wichtigsten Quellen für die Sicherung seiner Gasversorgung setzt, während die katarischen Investitionen in die deutsche Wirtschaft die Marke von 40 Milliarden Euro überschritten haben.

In diesem Zusammenhang festigt Katar seine Position als zentraler Wirtschaftsakteur auf der internationalen Bühne, insbesondere in den Bereichen Energie und Investitionen, gestützt auf eine ehrgeizige Entwicklungsvision, die auf die Diversifizierung der wirtschaftlichen Basis und die Stärkung der Präsenz im Ausland abzielt. Deutschland hingegen ist ein fortschrittlicher Partner in den Bereichen Industrie und Technologie, der mit seinem Fachwissen und seinen Möglichkeiten dazu beiträgt, diese Bestrebungen zu unterstützen und die Perspektiven für die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern zu stärken.

Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen beleuchtet dieses Exklusivinterview mit Seiner Exzellenz Abdalla Al-Hamar, dem Botschafter des Staates Katar in Deutschland, die Perspektiven der bilateralen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, lotet Möglichkeiten für gemeinsame Investitionen aus und erörtert die wichtigsten wirtschaftlichen Entwicklungen in Katar sowie deren Auswirkungen auf internationale Partnerschaften. Das Interview enthält zudem eine analytische Betrachtung der aktuellen geopolitischen Lage, ihrer Auswirkungen auf die Energiemärkte und die globalen Lieferketten sowie der Rolle beider Länder bei der Förderung der wirtschaftlichen Stabilität angesichts der aktuellen Herausforderungen.

Der Handelsumsatz zwischen Katar und Deutschland belief sich im Jahr 2025 auf rund 2 Milliarden Dollar. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Katar und Deutschland, und in welchen Bereichen der Zusammenarbeit waren in den letzten Jahren die deutlichsten Fortschritte zu verzeichnen?

Das Handelsvolumen beläuft sich auf über 2 Milliarden Dollar jährlich, was die starken und wachsenden wirtschaftlichen Beziehungen widerspiegelt. Dieses Verhältnis wird als „stark und dynamisch“ beschrieben, da Deutschland ein wichtiger europäischer Partner für Katar ist und Katar zu den größten Investoren in Deutschland zählt.

Die Zusammenarbeit erstreckt sich auf alle Bereiche, und in den Bereichen Energie (insbesondere Flüssigerdgas (LNG) und die Umstellung auf Wasserstoff), gegenseitige Investitionen, Automobilindustrie, Maschinenbau und Infrastruktur wurden bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Darüber hinaus wurde eine Vereinbarung zur Aufnahme eines strategischen Dialogs unterzeichnet, ebenso wie eine Reihe bilateraler Abkommen, darunter ein Abkommen über die Zusammenarbeit im Bereich (Deep Tech) sowie Vereinbarungen auf Start-up-Ebene am Rande des (Web Summit).

Inwieweit tragen die Investitionen Katars in Deutschland zur Stärkung der bilateralen Beziehungen bei, und auf welche Branchen konzentrieren sich diese Investitionen?

Katar zählt zu den größten Investoren in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Investitionen konzentrieren sich auf verschiedene Sektoren wie die Automobilindustrie (Volkswagen), Telekommunikation, Finanzdienstleistungen (Deutsche Bank), Logistik, Gastgewerbe und Energie (Siemens, RWE). Sie richten sich zudem auf kleine und mittlere Unternehmen aus, um den wirtschaftlichen Wandel in Deutschland zu unterstützen. Dies stärkt die bilateralen Beziehungen erheblich, indem Arbeitsplätze geschaffen, das Wachstum deutscher Unternehmen gefördert und das gegenseitige Vertrauen gestärkt werden.

Welche Rolle spielt die deutsch-katarische Partnerschaft bei der Stärkung der europäischen Energiesicherheit, insbesondere angesichts der jüngsten Veränderungen auf den globalen Energiemärkten?

Die Partnerschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Diversifizierung der europäischen Energiequellen, insbesondere nach der Energiekrise, die Europa in den vergangenen Jahren erlebt hat. In diesem Zusammenhang wurde ein Energiepartnerschaftsabkommen unterzeichnet, in dessen Rahmen Katar die Bundesrepublik Deutschland mit Flüssigerdgas (LNG) beliefern wird. Darüber hinaus sollen Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Bereich Wasserstoff ausgelotet werden. Damit trägt Katar (als einer der weltweit größten LNG-Exporteure) zur Stabilisierung der europäischen Energiemärkte bei, indem es die durch die Krise entstandene Versorgungslücke schließt.

Wie spiegelt sich die nationale Vision Katars zur wirtschaftlichen Diversifizierung in den Investitionsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen wider?

Die Vision „Qatar 2030“ konzentriert sich auf die wirtschaftliche Diversifizierung und Nachhaltigkeit jenseits von Öl und Gas. Dies erfordert die Förderung von Wissen, die Unterstützung von Innovationen und die Förderung von Start-ups sowie die Gründung weiterer Industrie- und Wirtschaftsunternehmen – all dies eröffnet deutschen Unternehmen Chancen in Katar. Derzeit sind rund 300 deutsche Unternehmen in Katar tätig. Diese Unternehmen profitieren von der fortschrittlichen und modernen Infrastruktur Katars, den niedrigen und reichlich verfügbaren Energiepreisen, im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, in der Logistik und in der Technologie. Darüber hinaus bietet Katar Anreize wie 100 % ausländisches Eigentum in bestimmten Gebieten, Steuerbefreiungen sowie bank- und behördliche Erleichterung.

Welche sind Ihrer Meinung nach die vielversprechendsten Sektoren, die den Schwerpunkt der künftigen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern bilden werden?

  • Deep Tech und Digitalisierung (KI, Deep Tech).
  • Hochtechnologie (Halbleiter).
  • Gesundheitswesen und Bildung.
  • Logistik und Lieferketten.
  • Umwelt und Nachhaltigkeit.
  • Kleine und mittlere Unternehmen.

Welche Stellung nimmt Katar heute auf dem globalen Gasmarkt ein, insbesondere angesichts der aktuellen geopolitischen Veränderungen?

Katar ist nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) weltweit und wird seine Produktion im Rahmen des North-Field-Projekts bis 2030 von 77 auf 142 Millionen Tonnen pro Jahr ausweiten. Trotz geopolitischer Herausforderungen (wie den Auswirkungen regionaler Spannungen) behält das Land eine zentrale Rolle bei der Sicherstellung einer zuverlässigen und langfristigen Versorgung, insbesondere für Europa und Asien.

Welche Herausforderungen könnten sich bei der Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Katar und Deutschland ergeben, und wie lassen sich diese bewältigen?

Die Herausforderungen, die einer Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Wege stehen könnten, liegen vor allem in den europäischen regulatorischen Herausforderungen (wie den EU-Richtlinien zur grünen Wende), geopolitischen Schwankungen und dem globalen Wettbewerb. All diese Herausforderungen lassen sich durch eine Intensivierung des bilateralen Dialogs, die Stärkung des gegenseitigen Vertrauens, die Vereinfachung von Verfahren und den Aufbau langfristiger Partnerschaften überwinden.

Wie geht Katar mit den Veränderungen in den globalen Lieferketten um, und welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Deutschland gibt es in diesem Bereich?

Katar legt den Schwerpunkt auf die Diversifizierung der Wirtschaft und die Förderung lokaler Produkte. Zudem verfügt Katar über Erfahrung im Umgang mit Herausforderungen in der Lieferkette, da es die Krise im Jahr 2017 erfolgreich bewältigt und aus diesen Erfahrungen in hohem Maße profitiert hat. Zudem konzentriert sich Katar auf Investitionen in den Bereichen Logistik und Technologie, um die Widerstandsfähigkeit zu stärken. All dies bietet Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Deutschland beim Erfahrungsaustausch im Umgang mit Krisen in der Lieferkette. Zudem arbeiten die beiden Länder im Bereich der Infrastruktur zusammen: Katar baut in Zusammenarbeit mit dem deutschen Unternehmen thyssenkrupp eine Wasserstoffanlage, was neue Perspektiven für die Lieferkette eröffnet. Darüber hinaus investiert Katar in die Reederei Hapag-Lloyd und trägt so zur Stabilität der globalen Lieferketten bei. Zudem gibt es vielversprechende Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit in den Bereichen fortschrittliche Fertigung und künstliche Intelligenz für das Lieferkettenmanagement.

Welche Rolle spielen Innovation und Technologie bei der Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, insbesondere in Bereichen wie erneuerbare Energien und Digitalisierung?

Sie spielt eine zentrale Rolle, insbesondere in den Bereichen erneuerbare Energien (Solar- und Wasserstoffprojekte), Digitalisierung und Deep Tech. Es bestehen Vereinbarungen zur Einrichtung von Innovationszentren in Doha in Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen wie der ESMT Berlin, deren Schwerpunkt auf künstlicher Intelligenz und dem Gesundheitswesen liegt.

Wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-katarischen Beziehungen angesichts der globalen geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen, und was sind die Prioritäten für die nächste Phase?

Wir sehen eine positive und vielversprechende Zukunft für die bilateralen Beziehungen, da sich diese im Umgang mit globalen geopolitischen und wirtschaftlichen Krisen als stabil erwiesen haben. So hat Katar nach der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 seine Investitionen in deutsche Unternehmen erhöht, und angesichts der europäischen Energiekrise im Jahr 2022 unterzeichneten beide Seiten ein Energiepartnerschaftsabkommen zur Stützung der Marktstabilität. Und in der aktuellen Krise um die Straße von Hormus steht Deutschland eindeutig an der Seite des Staates Katar.

Die Prioritäten für die nächste Phase konzentrieren sich auf Diversifizierung, Nachhaltigkeit und Innovation sowie auf die Vertiefung der Partnerschaften in den Bereichen Technologie und gegenseitige Investitionen.

Katar ist in diesem Jahr Partner des Deutsch-Arabischen Wirtschaftstreffens. Wie bewerten Sie die Bedeutung dieser Teilnahme für die Stärkung der wirtschaftlichen Präsenz Katars in Deutschland und Europa, und welche Kernbotschaften möchte Doha durch diese Veranstaltung vermitteln?

Diese Teilnahme (als Hauptpartner der 29. Ausgabe) stärkt die Präsenz Katars in Deutschland und Europa und rückt das Land als globalen Investitionsstandort ins Rampenlicht. Zu den Kernbotschaften zählen wirtschaftliche Stabilität trotz geopolitischer und wirtschaftlicher Krisen, Diversifizierungsmöglichkeiten im Rahmen der „Qatar 2030“-Vision sowie die Förderung nachhaltiger Partnerschaften in den Bereichen Energie und Technologie.

 Wie bewerten Sie die Rolle von Ghorfa bei der Förderung der arabisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen im Allgemeinen und der deutsch-katarischen Wirtschaftsbeziehungen im Besonderen?

Ghorfa spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung der arabisch-deutschen Beziehungen, indem sie Foren organisiert, Partnerschaften fördert und Unternehmen unterstützt; sie trägt dazu bei, den Dialog in konkrete Projekte umzusetzen.  

Ihre Exzellenz, wir danken Ihnen für das Gespräch.