Nach Jahren der Herausforderungen steht der Irak an einem Wendepunkt. Ehrgeizige Infrastrukturprojekte, allen voran das „Development Road“-Projekt, und die Vision neuer Industriestädte sollen das Land von der fast ausschließlichen Abhängigkeit vom Ölsektor befreien und als zentralen Logistik- und Wirtschaftsknotenpunkt im Nahen Osten neu positionieren. Die Dynamik des Wandels wird auch von internationalen Partnern, insbesondere China, aktiv mitgestaltet und mit großem Interesse in der Region verfolgt.
Die wirtschaftliche Lage Iraks 2025: Stabilisierung und Aufschwung
Die irakische Wirtschaft zeigt im Jahr 2025 klare Zeichen der Stabilisierung und eines erwarteten Aufschwungs. Nachdem das auf momentan 265 Milliarden US-Dollar geschätzte Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2024 noch leicht gesunken ist, prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) für 2025 wieder ein deutliches Wachstum von 3,3 Prozent. Für die Folgejahre 2026 bis 2028 rechnet der IWF sogar mit einem jährlichen realen Wachstum von 3,7 Prozent. Dieser Aufschwung wird vor allem durch steigende Ölproduktionsraten, bedingt durch das schrittweise Auslaufen der OPEC+-Beschränkungen, und massiven Investitionen in Transport-, Infrastruktur- und Energieprojekte getragen. Die politische Stabilität, eine verbesserte Sicherheitslage sowie eine stetig wachsende Bevölkerung von 45 Millionen Einwohnern tragen zusätzlich zum positiveren Wirtschaftsumfeld bei.
Internationale Verflechtungen
Trotz der Dominanz der Ölindustrie intensiviert der Irak seine internationalen Wirtschaftsbeziehungen und wird zunehmend zu einem attraktiven Markt. Das Land verzeichnete in den letzten fünf Jahren nahezu eine Verdopplung seiner Einfuhren. Zu den wichtigsten Handelspartnern zählen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), der Iran, die Türkei und China. Letzteres Land spielt eine besonders gewichtige Rolle: China ist nicht nur ein bedeutender Abnehmer irakischen Rohöls, sondern investiert auch massiv in die strategische Infrastruktur des Landes, was das wachsende wirtschaftspolitische Gewicht des Staates unterstreicht.
Das „Development Road“-Projekt: Ein Logistik-Flaggschiff
Das „Development Road“-Projekt (Entwicklungsstraße) ist das zentrale Element der irakischen Strategie zur wirtschaftlichen Diversifizierung und Neupositionierung. Es handelt es sich um ein gigantisches, auf rund 17 Milliarden US-Dollar geschätztes Infrastrukturvorhaben, das den Irak auf über 1.200 Kilometer von Nord nach Süd durchziehen soll.
Das Projekt umfasst den Bau eines modernen, zweigleisigen Eisenbahnnetzes und einer Autobahn, die den Grand Faw Port auf der Halbinsel Al-Faw im Süden des Irak über Metropolen wie Basra, Bagdad und Mosul mit der türkischen Grenze verbinden soll.
Der Grand Faw Port, an dessen Fertigstellung in der ersten Phase bis Ende 2025 gearbeitet wird, ist der Ausgangspunkt der Route. Er soll mit einer Kapazität von bis zu 99 Millionen Tonnen jährlich und über 150.000 neuen Arbeitsplätzen zu einem der größten Häfen der Region aufsteigen.Die neue Bahnlinie soll bis 2028 eine Frachtkapazität von 3,5 Millionen Containern und 22 Millionen Tonnen Massengut erreichen, die bis 2050 auf 7,5 Millionen Container steigen soll. Rund um den Grand Faw Port ist zudem die Errichtung einer großen Industriestadt geplant. Sie soll Raffinerien und Stahlwerke umfassen, um die Logistikdrehscheibe zu ergänzen und weitere Arbeitsplätze zu schaffen.
Der Irak verfolgt die Vision, die Straße über die Türkei bis nach Europa zu verlängern und so eine neue, bis zu 15 Tage kürzere Handelsroute zwischen Asien und Europa im Vergleich zum Suezkanal zu etablieren. Türkei, Katar und die VAE haben bereits im April 2024 eine vorläufige Vereinbarung zur Kooperation unterzeichnet.
Bedeutung für die Entwicklung des Landes
Das Projekt ist für den Irak mehr als nur ein Transportkorridor; es ist eine Säule der nachhaltigen, nicht-ölabhängigen Wirtschaft. Es soll die zerschlissene Infrastruktur sanieren und eine regionale wirtschaftliche Integration ermöglichen, indem es Handelsströme zwischen den Golfstaaten, dem Irak, der Türkei und Europa verbessert. Städte entlang der Route, wie Karbala, Bagdad und Mosul, profitieren von der Urbanisierung und Revitalisierung. Es dient als nationales Identifikationsprojekt, das zudem zur politischen Kohäsion zwischen Bagdad und der Kurdistan-Region (KRG) beitragen soll.
Die neue Welle industrieller Städte
Parallel zur „Development Road“ forciert die irakische Regierung den Aufbau moderner, spezialisierter Industriestädte. Diese sollen Investitionen anziehen, die lokale Produktion stärken, die Abhängigkeit von Importen reduzieren und die wirtschaftliche Diversifizierung vorantreiben.
Im Fokus stehen derzeit mehrere neue Projekte, die die industrielle Basis des Landes erweitern sollen. Im September 2025 genehmigte das Industrieministerium Pläne für drei neue, spezialisierte Industriestädte: Pharmazeutische Industriestadt Babil – Iraks erstes dediziertes Zentrum für die Arzneimittelproduktion -, Babylon Gateway Industrial City (Babil) – eine Zone für Lebensmittel, leichte und mittlere Industrien -, sowie Akkad Industrial City (Bagdad); Iraks erste privat geführte Industriestadt für aufstrebende Industrien.
Die Regierung verfolgt zudem eine umfassende Gesamtvision von 15 logistischen Knotenpunkten entlang des „Developement-Road“-Korridors, die jeweils neue industrielle oder urbane Zonen erschließen. Hierzu gehört die Errichtung des größten Industriegebiets im Nahen Osten am Grand Faw Port, welches Raffinerien, Stahlwerke und sogar Smart Cities umfassen soll. Zudem sind auf der Strecke die Errichtung von 15 neuen Zug- und Güterbahnhöfen geplant, welche als Rückgrat für die Anbindung dieser Industriezentren dienen werden.
Um die logistische Kette zu perfektionieren, wird die Anbindung über die Luftfracht massiv ausgebaut: Der Verkehrsminister kündigte die Eröffnung von drei neuen internationalen Flughäfen im Jahr 2025 an, namentlich in Mosul, Karbala und Nasiriyah. Darüber hinaus ist der Bau eines Frachtflughafens im Zusammenhang mit der Entwicklungsstraße geplant, während der Flughafen Bagdad im Rahmen eines 600 Millionen US-Dollar umfassenden Plans umfassend modernisiert wird.
Die neuen Industriestädte sind strategisch konzipiert, um direkt oder indirekt an die „Development Road“ und den Grand Faw Port angebunden zu sein; der Grand Faw Port und Al-Faw Industrial City bilden das logistische Tor zum Meer und zum Beginn der Hauptverkehrsader der Entwicklungsstraße, während die geografische Verteilung der Städte – von Basra über Babil bis Bagdad – eine regionale Verankerung und eine effiziente Anbindung an die zentrale Bahn- und Autobahnachse gewährleisten.
Die Vision der Irakischen Regierung verspricht nicht nur eine tiefgreifende Diversifizierung und die Schaffung hunderttausender Arbeitsplätze im Irak selbst, sondern eröffnet auch internationalen Investoren und Handelspartnern Teil eines neuen, stabilen und dynamischen regionalen Wirtschaftskorridors zu werden. Wie der Irak die potenziellen Wettbewerbsdynamiken mit Nachbarprojekten, wie dem kuwaitischen Mubarak Al Kabeer Port, managt, wird entscheidend sein, doch die Dimension und strategische Ausrichtung der irakischen Pläne signalisieren den Beginn einer Ära, in der der Irak seine historische Position als Drehkreuz der Zivilisationen in einer modernen Wirtschaftsform zurückgewinnen will.