Der Nahen Osten ist die wasserärmste Region der Welt. Von den 17 Ländern mit der größten Wasserknappheit liegen 11 in der MENA-Region. Der Wasserstress bedroht die Gesundheit der Bewohner und gefährdet die Ernährungssicherheit. Wassermangel wird zunehmend zur Triebfeder für Vertreibung, Abwanderung und Konflikte. Der Kampf ums Wasser entwickelt sich zur Schicksalsfrage der Region.

Boutros Boutros-Ghali, der legendäre ägyptische Diplomat und spätere UN-Generalsekretär, war ein visionärer Mann. Bereits 1985 sagte er voraus, dass die Kriege der Zukunft um Wasser geführt werden. Heute, fast 40 Jahre später, kann es selbst in seinem Heimatland am Nil zum „casus belli“ werden. Der Streit um GERD , den „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ droht zu eskalieren. Der 135 Meter hohe Staudamm am Blauen Nil, der nach seiner geplanten Fertigstellung der größte Afrikas sein wird, benötigt ungeheure Mengen aufgestauten Wassers, um die geplanten 5000 Megawatt Elektrizität aus Turbinen zu ermöglichen.

Das durch innere Konflikte geschwächte Nachbarland Sudan hat vergeblich protestiert. Ägyptens Präsident Abdel Fatah Al-Sisi sieht die Lebensgrundlage der 102 Millionen Menschen seines Landes akut bedroht, wenn das Nachbarland Äthiopien das Wasser des noch im Bau befindlichen riesigen Staudamm am oberen Nil für die eigene Landwirtschaft nutzt. Ägypten deckt 90 Prozent seines Wasserbedarfs aus dem Nil. Das Wasser des Nils ist „die Existenzfrage der Nation“, sagt der Präsident, der zugleich oberster Befehlshaber der ägyptischen Armee ist. Mit Sorge verfolgen nicht nur die Anrainerstaaten die Eskalation des Konflikts. Auch der UN-Sicherheitsrat musste sich schon mit der Frage beschäftigen. Ohne Ergebnis

Knapp 1.500 Kilometer weiter östlich ist die Lage nicht weniger angespannt: Der Irak, das fruchtbare Zweistromland, gilt als Wiege der der Zivilisation. Doch heute streiten sich gleich vier Länder um das Wasser von Euphrat und Tigris: Die Türkei, der Iran, Irak und Syrien. Der Irak beklagt, dass ihm die Nachbarländer durch Staudammprojekte buchstäblich das Wasser abgraben. Während bei der erstmaligen Messung des Wasserdurchflusses im Irak 1920 noch 1350 Kubikmeter Wasser in der Sekunde gemessen wurden, kommt man nun, ein Jahrhundert später, auf nur noch 192 Kubikmeter. Hinzu kommt eine über mehrere Jahre anhaltende Dürreperiode im Irak. In Niniveh sind die Ernteerträge um 70 Prozent zurückgegangen. Im einst wasserreichen Südirak liegen die Fischerboote auf dem Trockenen.

Sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten, so werden Euphrat und Tigris bis 2040 komplett ausgetrocknet sein. Eine Katastrophe von biblischem Ausmaß.

Klimawandel und Bevölkerungswachstum verschärfen den Ressourcenkampf

Weltweit haben 2,2 Milliarden Menschen keinen konstanten Zugang zu sauberem Wasser, rund 785 Millionen Menschen verfügen noch nicht einmal über eine Grundversorgung mit Trinkwasser. Doch besonders herausfordernd ist die Situation in der MENA-Region, die ohnehin traditionell trocken ist. Sie ist nun wegen unterschiedlicher Ursachen einem dramatischen Wasserstress ausgesetzt.

Die Region verfügt über einige der höchsten Bevölkerungswachstumsraten der Welt, gleichzeitig schreitet die Urbanisierung drastisch voran. Immer mehr Menschen siedeln sich in Städten an und pumpen die Grundwasser-Reservoire ab. Gleichzeitig steigt der Bedarf nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Im Zuge des Strebens vieler arabischer Länder nach Souveränität bei der Ernährungssicherung wird die Landwirtschaft intensiviert und die Bewässerungsflächen nehmen stetig zu. Die Landwirtschaft ist ein besonders wasserintensiver Sektor, weltweit macht er 70 Prozent des Wasserverbrauchs aus, in der MENA-Region hingegen sind es mehr als 80 Prozent.

Auch der zunehmende Wohlstand in der Region zeitigt Konsequenzen für die Umwelt. Die Menschen essen heute mehr Fleisch als früher. Deswegen werden große Teile der Anbauflächen für Futterpflanzen benötigt, um die Tiere ernähren zu können. Was diese Verkettung von Entwicklungen konkret bedeutet, lässt sich am Beispiel Saudi-Arabien eindrücklich veranschaulichen.

Zwar sind rund 60 Prozent des Landes Wüstenflächen, jedoch verfügt das Königreich über große unterirdische Wasserreservoire, sogenannte Aquifere. Vor 40 Jahren enthielten diese Grundwasserseen noch 500 Kubikkilometer Wasser- zum Vergleich: Der Bodensee, der größte See Deutschlands, verfügt über rund 48 Kubikkilometer.

Die Regierungen Saudi-Arabiens nutzten dieses Reservoir, um die Ernährung der Bevölkerung aus eigener Kraft sicher zu stellen. In großen Teilen Saudi-Arabiens sieht man grüne, bewirtschaftete Felder. Saudi-Arabien hat so sein Ziel erreicht, sich bei einer Reihe von Lebensmitteln vollständig selbst zu versorgen, darunter Fleisch, Milch und Eier. Mit Weizen, Datteln, Milchprodukten, Eiern, Fisch, Geflügel, Gemüse und Blumen beliefert heute das Wüstenland Saudi-Arabien sogar Märkte in aller Welt.

Doch die ökologischen Folgen dieser nicht nachhaltigen Bewirtschaftung sind dramatisch. In nur einer Generation wurden vier Fünftel des fossilen Wassers zu Bewässerungszwecken abgepumpt. Da das Wasser endlich ist, also nicht durch unterirdische Zuflüsse erneuert wird, wird diese Quelle von Wohlstand und Sicherheit bald erschöpft sein. Das Königreich Saudi-Arabien hat deswegen schon 2015 die Bewässerung von Wüstenflächen für Grünfutter verboten. Wie Saudi-Arabien die Ernährung seiner mittlerweile auf 36 Millionen Menschen angewachsenen Bevölkerung künftig sicherstellen will, ist noch nicht geklärt. Es müssen wohl Flächen im fruchtbaren Ausland bewirtschaftet werden. Nur: Wo?

In anderen arabischen Ländern sieht es ähnlich prekär aus. In Algerien trocknen die Foggara aus, kunstfertige unterirdische Tunnelsysteme, die seit Jahrtausenden unterirdisches Wasser kanalisieren und Oasen zum Blühen bringen. Ihnen setzt die vermehrte Wüstenbildung zu. Die Kanäle versanden.

In Marokko verlassen die Menschen ganze Landstriche, weil ihnen Trockenheit und Dürre die Lebensgrundlagen rauben. Wo die Grundwasserströme nach und nach trockenfallen, versalzen die Grundwasserleiter und Böden zunehmend. Dabei sind es – neben der Veränderung des Klimas – oft menschliche Ursachen, die die Probleme verursachen.

Wegen der verbesserten Brunnentechnik reichen Bohrungen heute tiefer. Viele Landwirte bewässern ihre Äcker aus tiefergelegenen Aquiferen oft auch illegal, ohne zu berücksichtigen, dass sie das endliche Wasser im Übermaß verbrauchen. Mit den Menschen verschwindet die kulturelle Identität. Das Armenheer in den Großstädten wächst.

Im Sudan sind nach Angaben des Obersten Rates für Naturressourcen in den zurückliegenden zehn Jahren zwölf Prozent des Ackerlandes verödet. Hier ist die Ursache klar: Übermäßige Abholzung. Die UN hat ermittelt, dass der Anteil bewaldeter Flächen im Sudan in den letzten 20 Jahren um die Hälfte geschrumpft ist. Holz ist eine umkämpfte Ressource und Einnahmequelle. Schon im Darfur-Krieg, der zwei Jahrzehnte dauerte und 300 000 Menschenleben kostete, ging es auch um die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen: Um Ackerland, Holz und Wasserressourcen.

Neben allen anderen Ursachen ist es jedoch der Klimawandel, der in der gesamten Region bedrohliche Formen angenommen hat. Aufgrund der geringeren Niederschläge wird der Wasserbedarf immer weiter steigen, die steigenden Temperaturen bei kürzeren Regenperioden werden die Region auch wirtschaftlich schwer treffen: für die MENA-Region sagen die Prognosen durch klimabedingte Wasserknappheit wirtschaftliche Verluste zwischen 6 bis 14 Prozent des BIP voraus.

Dabei schlägt das Wetter oft Kapriolen: „Heute regnet es hier in Doha in Strömen und wir haben 26 Grad Temperatur – mitten im Juli. Das hat es noch nie gegeben“, staunte der Ingenieur Dr. Khalid Al-Hajri in Katar. Etwas weiter südlich im Oman baut die STRABAG mittlerweile Dämme, um die unglaublichen Wassermengen, die aus den – an sich trockenen – Wadis nach tropischen Wirbelstürmen strömen bewältigen zu können. Sintflutartig stürzen nach Zyklonen große Wassermassen, die von der trockenen Erde nicht aufgenommen werden können, bergab und verwüsten ganze Landstriche. Die Regierung des Oman wirbt um Investoren zum Bau von Dammbauten gegen die ungezähmten Wassermassen.

Wo die Pegel sinken steigen die Konflikte

Doch auch wenn Wetterextreme zunehmen: der Regelfall ist Wasserknappheit. Wasser wird in der ganzen Region immer mehr zur Mangelware. Wissenschaftler und internationale Beobachter befürchten übereinstimmend, dass die Kontrolle über die Wasserressourcen und der Zugang zu Wasser zunehmend zur Ursache für Konflikte und Streitigkeiten werden.

Mehrere Staaten sind oft von ein und derselben Wasserquelle abhängig. Den Jordan-Fluss müssen sich gleich vier Länder teilen: Jordanien, Syrien, Israel und der Libanon. Um das Wasser der biblischen Flüsse Euphrat und Tigris streiten, wie gesagt, die Türkei, der Irak, Iran und Syrien.

Eine der zentralen Herausforderungen ist die kooperative Bewirtschaftung der gemeinsamen Wasserressourcen; so soll ein katastrophaler Schneeballeffekt in der Region aufgehalten werden. Es besteht ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen Wasserknappheit, mangelnder Ernährungssicherheit, der wirtschaftlichen Grundsicherung der Menschen und Konflikten und Migration. Kooperation zwischen den betroffenen Staaten und kompetenteres Wassermanagement sind notwendig, um diese unglückselige Verkettung aufhalten zu können.

Klimadiplomatie im Nahen Osten

Die UN-Klimakonferenz in diesem Herbst in Scharm El-Scheich und die darauffolgende COP 28 in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigen auf, dass die Region das Ausmaß der Bedrohung durch Klimawandel verstanden hat. Bereits Im Jahre 2012 hatte Katar die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention zur COP 18 nach Doha eingeladen und damit ein erstes klares Signal gesetzt. Viele Regierungen der Region begnügen sich nicht damit, lediglich Klimagipfel auszurichten. Sie legen mittlerweile selbst ambitionierte Pläne vor, um die Klimakrise noch abzuwenden. So waren in den zurückliegenden Jahren in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) einschlägige Wechsel in der Klimapolitik zu beobachten: 2021 verkündeten die beiden Länder und auch der Nachbar Bahrain ehrgeizige Ziele: Bis 2050 beziehungsweise bis 2060 wollen sie komplett klimaneutral werden. Im Rahmen von Abu Dhabis »Regionalem Klimadialog« im Frühjahr 2021 sowie der „Saudi and Middle East Green«-Initiative“ im Vorfeld der COP26 in Glasgow stellten sie ihre eigenen regionalen Klimapläne vor.

Der Klimawandel ist jedoch ein grenzüberschreitendes Phänomen, für das es keine nationalstaatlichen Lösungswege gibt. In der Tat könnten der Klimawandel und insbesondere die Wasserknappheit einen Wendepunkt in der Region markieren, wenn Staaten ihre politischen Spannungen überwinden und stattdessen Hand in Hand zusammenarbeiten würden. Auf zivilgesellschaftlicher Ebene haben diverse Organisationen bereits vorgemacht, wie dies aussehen könnte.

Die Initiative „EcoPeace Middle East“ etwa ist eine Organisation, die sich für Umweltschutz und Frieden im Nahen Osten einsetzt. Ihr Ziel ist es, die nachhaltige Entwicklung voranzutreiben und damit gleichzeitig die Grundlagen für ein langfristiges friedliches Zusammenleben in der Region schaffen. Solche Formen der Zusammenarbeit beschränken sich einstweilen jedoch auf nichtregierungs-Ebene. Amnesty International titelte erst vor einigen Monaten etwas reißerisch: „Bei wie viel Grad schmilzt Misstrauen?“ So sollte darauf hingewiesen werden, dass manche Regierungen die Unterschiede und Abgrenzungen wichtiger nehmen als die Kooperation. Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, wann die Staaten und Bevölkerungen der Region im übergeordneten Interesse zusammenarbeiten werden. Sicher ist jedoch, dass angesichts der aktuellen Klima-Situation und der düsteren Prognosen nicht mehr allzu viele Zeit verstreichen darf.

Deutsche Unternehmen mit ihren innovativen Technologien und Dienstleistungen im Bereich der Energie, der Land- und der Wasserwirtschaft können erhebliche Beiträge zu Behebung von schlimmen Folgen des Wandels leisten. Vorausgesetzt, die Probleme werden in ihren Ausmaßen und Folgen überall hinreichend verstanden.

Von Santina Robens